EINHEIT

Am 31. August 1990 wurde zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik der Einigungsvertrag unterzeichnet. Am 3. Oktober feiert Deutschland in diesem Jahr 30 Jahre Wiedervereinigung.

Bereits Artikel 23 des Grundgesetztes in der alten Fassung vom 23. Mai 1949 geht von der zu schaffenden Einheit Deutschlands aus: »Dieses Grundgesetz gilt zunächst im Gebiete der Länder Baden, Bayern, Bremen, Groß-Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen.« Am 3. Oktober 1990 war es soweit: Die DDR trat dem Geltungsbereich des Grundgesetztes und damit der BRD bei. Die Einheit des seit 1949 geteilten Deutschland war wieder hergestellt.
Als junge Frau, aufgewachsen in Köln, gewohnt an grenzenlose Bewegungs- und Reisefreiheit und im tief verwurzelten Lebensgefühl  einer modernen Europäerin, hatte ich die Bedeutung dieser Teilung wie einen Schock erfahren, als ich in den 80er Jahren Verwandte in Westberlin besuchte, die nahe der Grenze am Teltowkanal wohnten. Während wir den Sommerabend mit Grillen und fröhlicher Familienfeier im Garten genossen, hörten wir plötzlich nicht weit entfernt Schreie und Schüsse. »Jemand versucht zu fliehen«, erklärte unser Gastgeber bedrückt und am nächsten Tag war in der Zeitung zu lesen, dass ein junger Mann bei einem Fluchtversuch von Ost- nach Westberlin von Grenzbeamten der DDR erschossen worden sei. Ich wollte damals nur noch weg aus Berlin, aus einer Stadt, in der man – egal in welche Richtung man fuhr – immer wieder an eine Grenze stieß, ein ›Gefängnis‹, an dessen Mauer tatsächlich Menschen getötet wurden.
Wie anders ist das heute, über 30 Jahre später! Wer in den letzten zehn Jahren mal in dieser wunderbar quirligen, lebendigen, energiegeladenen europäischen Metropole Berlin war, wird von den alten Zeiten kaum noch etwas spüren. Man kann stundenlang mit Bus und Bahn durch diese riesige Stadt fahren und überall sieht und fühlt man Leben und Gedeihen. Wer mit historischen Kenntnissen und Erfahrungen durch die Stadt wandert, bemerkt zwar überall noch Hinweise auf die alten Grenzen und schnell kommen auch Erinnerungen an die noch keineswegs gänzlich bewältigten Unterschiede hoch. Für den unbedarften Besucher jedoch ist Einheit hier in Berlin längst wahr geworden.

Im 19. Jahrhundert strebte man in Deutschland auch schon einmal die Einheit an. Die vielen Kleinstaaten auf deutschem Boden waren den Aufklärern seinerzeit ein Dorn im Auge. Seit den Befreiungskriegen 1813 plädierten insbesondere die Liberalen für die Schaffung eines geeinten Deutschland. Verwirklicht wurde diese erste Einheit eines deutschen Nationalstaates mit der Gründung und Proklamation des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871.

Wenn wir noch ein paar Jahrhunderte weiter zurück gehen, stehen wir vor einer etwas anderen Spaltung, die dennoch imminent politische Auswirkungen hatte und die ebenfalls eine Menge Blut kostete. Im Zuge der durch Martin Luther ausgelösten Reformation traten viele Gebiete zum protestantischen Glauben über. Die religiöse Einheit Europas zerbrach. Religion und Konfession wurde zum politischen Machtinstrument. Vom Augsburger Religionsfrieden 1555 bis zum Westfälischen Frieden, der 1648 den blutigen Dreißigjährigen Krieg beendete, galt das Rechtsprinzip »cuius regio, eius religio« – »wessen Gebiet, dessen Religion« und die Bevölkerung hatte die Konfession ihres jeweiligen Landesherrn anzunehmen. 

Zwar herrscht in Deutschland in den meisten Ländern seit der Revolution 1848/49 Religionsfreiheit. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es zwischen dem lutherischen Bismarck und der katholischen Kirche noch zum Kulturkampf, in dessen Verlauf die Antimodernisten und der Vatikan als Zentrum in der Katholischen Kirche stark an Gewicht gewannen. Erst 1965 erkannte die Römisch-Katholische Kirche die in der bürgerlichen Staatsordnung garantierte Religionsfreiheit an. Doch die Spaltung der christlichen Kirche in protestantische und katholische Konfession konnte bis heute nicht überwunden werden.
In meiner Kindheit habe ich in Köln erlebt, wie tief diese Spaltung in den Köpfen verwurzelt war: Am Karfreitag, dem ›höchsten evangelischen Feiertag‹ wie man sagte, pflegte meine erzkatholische Tante, mit der wir gemeinsam in einem Haus wohnten in den 60er Jahren, ihren Frühjahrsputz zu machen: Möbel wurden auf die Straße geschafft, damit man Platz zum wischen hatte, Teppiche wurden an den Teppichstangen auf dem Spielplatz ausgeklopft, große Wäsche im Garten aufgehängt. Von Feiertagsruhe konnte keine Rede sein. Umgekehrt fuhren die protestantischen Bauern im Umland an Fronleichnam ihren Mist und die Gülle aus – just wenn die katholischen Gemeinden in Prozessionen singend über die Dörfer zogen. Ein konfessioneller Kleinkrieg, der – Gottseidank – heute weitgehend vorüber ist.

Einheit und Spaltung – so könnte man meinen – sind ›deutsche Themen‹. Politisch sind wir auf dem besten Wege, die Verletzungen und Ungleichheiten der Spaltung Deutschlands zu überwinden und haben allen Grund, am 3. Oktober groß zu feiern.
Was die Ökumene und die Konfessionen betrifft, sind wir wohl auch auf einem guten Wege. Auf der website der EKD heißt es dazu sehr positiv: »Was 1948 mit sechs Kirchen begann, umfasst heute 17 Mitglieder. Im deutschen Ökumene-Boot sind weit mehr als nur die evangelische und katholische Kirche unterwegs. Orthodoxe, Anglikaner und Freikirchen zählen dazu. Sie alle engagieren sich national wie lokal. Gemeinsam wollen sie als Netzwerk den christlichen Glauben zeigen und feiern – und so die Welt gerechter und friedlicher machen.« Das ist alles ganz gut und schön. Aber immer noch ist es schwierig mit ökumenischen Gottesdiensten und ökumenischen Hochzeiten, um nur zwei Beispiele zu nennen. Und immer wieder ist es insbesondere eine Konfession, die dabei ›Schwierigkeiten macht‹…
Angesichts ständig steigender Kirchenaustritte und ständig sinkender Mitgliederzahlen (in beiden großen Konfessionen!) ist es für den Laien doch einigermaßen verwunderlich, warum man mit theologischen Spitzfindigkeiten einer wirklichen und gelebten Ökumene, einer Überwindung der Spaltung zugunsten EINER Kirche, in der viele verschiedene Strömungen gegenseitige Anerkennung finden, auf der Führungsebene immer wieder so nachhaltig entgegen wirkt. Um so großartiger ist es, dass in den Gemeinden vor Ort viele, viele Pfarrer, Priester, Kirchenmusiker und Mitarbeiter in beiden Kirchen diese Einheit bereits jetzt immer wieder praktisch leben. Manchmal mit der in Kauf genommenen Gefahr, dafür ›von oben eins auf den Deckel zu bekommen‹. Für dieses Engagement und für die Arbeit an der ökumenischen Einheit, die manchmal wirklich auch Mut erfordert, allen diesen engagierten Menschen ein großes, dickes DANKESCHÖN!
Gabriele Maria Fischer