INTERVIEW MIT WALDEMAR GEISLER

Waldemar Geisler wurde im Nordkaukasus, Russland, geboren. Sein Lebensweg führte ihn durch mehrere Länder und viele Orte ehe er sich in Köln niederließ. Seit fast 20 Jahren ist er Küster der Friedenskirche. Wir wollten von ihm wissen, wo er sich heimisch fühlt.Wo bist du geboren und wo hast du deine Kindheit verbracht?

Geboren bin ich 1960 in dem Dorf Babajurt in Dagestan im Nordkaukasus. Allerdings habe ich dort nur zwei Jahre lang gelebt. Dann sind wir nach Kasachstan umgezogen, wo meine Mutter gestorben ist, als ich drei Jahre alt war. Ab da hat meine Tante, die Schwester meiner Mutter, mich und meine Schwester zusammen mit ihren eigenen Kindern großgezogen. Mit ihr sind wir dann auch nach Usbekistan umgezogen. Als ich vier Jahre alt war, sind wir wieder nach Kasachstan zurückgezogen, diesmal in ein Dorf in der Nähe der Stadt Tschimkent, wo ich bis zum 15. Lebensjahr geblieben und zur Schule gegangen bin.

Würdest du Kasachstan als deine Heimat bezeichnen?
Ja, denn dort habe ich meine Kindheit verbracht, eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Dort hatte ich so viele Freunde.

Wie ging es dann weiter?
Mit 15 bin ich dann in die Nähe von Taschkent in Usbekistan gegangen, wo ich die Berufsschule besucht und eine Ausbildung zum Schlosser gemacht habe. Gearbeitet habe ich in einem Flugzeugbetrieb, der die „Iljuschin Il-76“ produziert hat. 1979 musste ich für zwei Jahre zur Armee, bin danach aber wieder nach Taschkent zurückgekehrt. Auch Taschkent ist für mich Heimat geworden, denn dort habe ich bis 1991 gelebt und meine Jugendzeit erlebt. In dieser Zeit habe ich auch meine Frau kennengelernt, allerdings bei einem Besuch in meinem kasachischen Heimatdorf. Mit meiner Frau bin ich 1992 dann nach Russland gegangen, in ein Dorf etwa 200 Kilometer von Kursk entfernt.

Wieso bist du so oft umgezogen?
Im Russischen gibt es ein Sprichwort. Es heißt: „Der Fisch sucht die tiefste Stelle, der Mensch hingegen die beste.“

Und auf dieser Suche seid ihr dann irgendwann nach Köln gekommen?
Ja, aber erst 1996. Bis dahin habe ich in dem Dorf bei Kursk vier Jahre auf einer Milchfarm gearbeitet und diese schließlich auch geleitet. Dort habe ich mich wohlgefühlt, wurde von allen angenommen und wollte eigentlich nie weg. Damals hatte ich auch Schweine, eine Kuh, Hühner und Enten.

Wie bist du dann in Köln gelandet?
Verwandte von mir waren schon in Köln und meine Familie stellte einen Ausreiseantrag. Dieser wurde dann überraschenderweise sehr schnell bewilligt. Natürlich hatte ich damals Sorge und auch etwas Angst, wie es wohl in Deutschland sein würde.

Bist du denn in Köln heimisch geworden?
Hundertprozentig! Auch Köln ist heute meine Heimat. Ich habe oft gemerkt, wenn ich länger im Urlaub oder mal krank war, dass ich mich richtig gefreut habe, wieder zurück in die Gemeinde zu kommen. Vor allem die Senioren sind immer wieder froh, mich zu sehen, und umarmen mich. Sie nehmen mich so an wie ich bin. Auch wir Kollegen und Mitarbeiter verstehen uns untereinander sehr gut. Zuhause ist, wo die Liebe wohnt, Erinnerungen geboren werden, Freunde immer willkommen sind und jederzeit ein Lächeln auf dich wartet. Hier in Ehrenfeld habe ich mittlerweile auch einen Kleingarten, in dem ich Obst und Gemüse anbaue. Dort fühle ich mich so unglaublich wohl.

In welcher Sprache – Deutsch oder Russisch – fühlst du dich heimischer?
Da meine Mutter und auch meine Tante Deutsche waren, habe ich schon von Kind auf Deutsch gehört und gesprochen. Natürlich sprachen wir auch Russisch, was alle früher in der Sowjetunion konnten. Mit meiner Frau rede ich nur Russisch. Beide Sprachen sind für mich Heimat.