Interview mit Vikar Dross

„Meine Rolle ist die des Hofnarren“ - Stefan Dross, Vikar an der Versöhnungskirche


Stefan Dross, 1984 in Köln geboren und in Sechtem aufgewachsenen, studierte Theologie in Bonn und absolvierte parallel eine Erzieherausbildung. 2017 schloss er das Studium mit dem 1. Kirchlichen Staatsexamen ab und ging anschließend mit seiner Frau Tabea für sechs Monate auf Wanderreise durch Australien, Neuseeland und Südostasien. Frisch zurückgekehrt trat er am 1. April seine zweieinhalbjährige Vikariatszeit - vergleichbar mit dem Referendariat im öffentlichen Dienst - bei uns in Ehrenfeld an. Wir sprachen mit ihm über die Möglichkeiten eines jungen Pfarrers, unserer Gemeinde und der Kirche.


Herr Dross, welche Möglichkeiten…
… erhoffen Sie sich für die nächsten zwei Jahre in der Gemeinde?

Die Gemeinde sehe ich momentan als Spielwiese, auf der ich mich ausprobieren darf. Zum Beispiel wie es sich anfühlt in der Rolle des Pfarrers zu sein. Und ich möchte einen Ausdruck finden für das, was mich theologisch und innerlich bewegt. Zum Beispiel wie man Jugendlichen nahe bringen kann, was Rechtfertigung oder Annahme Gottes meint. Wie kann der Gottesdienst ein Raum werden, wo ich das erfahren kann?


… sehen Sie in der Gemeinde?

Der Stadtteil bietet ganz viele Möglichkeiten. Ich sehe in Ehrenfeld eine Offenheit, die es möglich macht, dass Kirche auf unkonventionelle Art präsent sein kann. Wenn ich jetzt etwas ins Blaue spinnen darf, dann denke ich an unübliche Beteiligungen bei Straßenfesten oder die Initiierung eines „Urban Gardenings“ [freies Gärtnern in Städten, Anm. d. Red.]. Warum sollte die Kirche keinen Stadtvorgarten betreiben, an dem sich jeder beteiligen kann? Die Frage ist, zu welchen Themen haben wir als Kirche etwas zu sagen. Da gibt es traditionell viele Themen. Aber passen die mit den Fragen der Leute zusammen? Kirche sollte Ansprechpartner sein für die Themen, die die Leute bewegen. Diese gilt es für mich noch herauszufinden.


… haben Pfarrer in einer zunehmend religionsferneren Gesellschaft?

Ich denke nicht, dass Religion nicht mehr wichtig ist. Im Gegenteil: Die Fragen nach dem Sinn nehmen wieder zu. Das spielt sich aber im Privaten ab. Es ist die Institution Kirche, die weniger eine Rolle spielt. Das bietet aber auch die Möglichkeit zu „irritieren“. Dort wo zum Beispiel biblische Geschichten nicht mehr bekannt sind, kann man mit ihnen wieder überraschen. Jugendliche blocken nicht mehr gelangweilt ab, weil sie die Geschichten x-mal gehört haben. Sie hören zu und merken, dass das etwas mit ihnen zu tun hat. So kann man Themen wieder freisetzen. Es gibt viele Ansätze. Ich hoffe, dass wir uns als Kirche dabei nicht selbst im Weg stehen und uns auch trauen zu experimentieren. Und uns ein stückweit von den eigenen Fesseln und Traditionen zu befreien. Kirche hinterfragt sich. Das finde ich gut. Doch oft wird viel Energie in den Erhalt von Dingen gesteckt. Auch das, was gut war, darf man mal abschließen.


… haben junge Pfarrer wie Sie in der „altehrwürdigen“ Kirche?

Ich sehe mich als „Pfarrer mit Narrenkappe“. So wie ein Hofnarr, der Fehler machen darf. Der die anderen aber auch heilsam irritiert und mit Neuem überrascht. Das verstehe ich als Prozess des gegenseitigen Lernens. Ich hoffe, dass das in Wertschätzung und Toleranz geschieht. Toleranz im eigentlichen Wortsinn, d.h. im Ertragen der Verschiedenheit.


Lieber Herr Dross, Danke für das Gespräch und herzlich Willkommen in unserer Gemeinde. Nutzen Sie alle Möglichkeiten!