„Solidarische Nähstube“

Kaum aus dem Presbyterium aus Altersgründen verabschiedet, schon lauern neue, ungeahnte Herausforderungen: Was für eine – noch nie da gewesene, noch nie erlebte Zeit…

Das Corona-Virus hat uns voll im Griff. Es schürt Ängste, die vielen Menschen zu Hamsterkäufen Anlass geben - auf der anderen Seite werden viele, neue kreative Ideen sozusagen „aus dem Hut“ gezaubert.

Plötzlich nimmt die Nachfrage nach Gesichts-Masken enorm zu, auch, wenn über ihre Schutzfunktion viel debattiert wird. Dennoch werden sie zu einer vorher nie gekannten Begierde, trotz der vielen „Masken-Muffel, die mir so begegnen“. Die Medien berichteten von Millionen-Stück- Bestellungen, die dann auf dem Transportweg „abhanden“ kamen.

IMG-20200417-WA0002.jpgInzwischen nenne ich meine Masken gern auf kölsch „Schnüsslappe“, selbst über den Begriff „Schutzmaske“ wird aus medizinischer Sicht immer wieder gestritten.

Wie dem auch sei, ich selbst bin überzeugt, dass es durchaus Sinn macht, wenn jede und jeder von uns eine Gesichtsmaske tragen würde, damit Partikel beim Husten, Niesen und Sprechen nicht verbreitet werden. Diese Logik kristallisiert sich auch unter den vielen Experten mehr und mehr raus.

Nur – woher nehmen und nicht stehlen? Selber produzieren, nach meiner Devise:

dass „Kleinvieh schließlich auch Mist macht“. Also ran an die Arbeit!

All‘ meine gebunkerten Baumwollstoffe sowie meine Gummibandvorräte wurden aus der Versenkung befördert. Einfach schnell mal Gummiband kaufen funktioniert leider nicht, alle Geschäfte geschlossen und selbst im Internet war der Markt in Windeseile leer gefegt. Aus der Nachbarschaft, der Gemeinde und aus dem Freundeskreis erhielt ich zenti- und meterweise Nachschub. Alle Tausch-Liefer-Abholgeschäfte wickele ich über meinen Balkon im ersten Stock ab – mit einer Tasche/Korb am langen Seil, das nennen wir „rapunzeln“, eine kontaktarme Prozedur, schließlich gehöre auch ich zur Risikogruppe.

Das Rapunzeln belustigt nicht nur viele vorbeigehende Menschen, sondern weckt bei manchen auch das Interesse für einen solchen Gesichtsschutz, wir kommen ins Gespräch.

Ein junger Mann, gebürtig aus Pakistan, schaute lächelnd eine ganze Weile zu und erzählte uns, dass der Rapunzel-Vorgang ihn an seine Heimatstadt Karatschi erinnern würde, in der alles mit Seilen und Flaschenzügen an den Hochhäusern in die jeweilige Etage „geliefert“ würde.

Inzwischen habe ich ca. 200 Masken genäht, alle mit Schlitz zwecks Kompressen- oder Tempoeinlage und einem kleinen Draht, damit die  Maske über der Nase gut abschließt und BrillenträgerInnen keine beschlagenen Gläser beschert.

Die Nachfrage, insbesondere auch in Alten-und Pflegeheimen ist unverändert hoch.

Andere Menschen räumen auf und machen ihren Frühjahrsputz, ich nähe aus Solidarität weiter.

 

Almut Maier