Titelthema: GEBORGENHEIT

Wörter lösen – oft unbewusst – Gefühle und Assoziationen aus. Manchmal kommen uns auch ganz flüchtig Farben oder Erinnerungen in den Sinn. Wenn wir ein Wort wahrnehmen, wissen wir in der Regel, was damit gemeint ist. Und manche Wörter, die eine besondere Bedeutung mit allen ihren gedanklichen Verbindungen in sich tragen, sind in viele andere Sprachen nicht übersetzbar. Solch ein Wort ist Geborgenheit.

Haben Sie schon einmal versucht, das Wort Geborgenheit ins Englische zu übersetzen? Meist wird dafür security verwendet, was zugleich Sicherheit bedeutet. Sie merken es: Aller Wahrscheinlichkeit nach löst das Wort Sicherheit ganz andere Assoziationen in Ihnen aus als das Wort Geborgenheit. Die Begriffe werden im Deutschen in unterschiedlichen Kontexten verwendet.

Geborgenheit ist mehr als nur Sicherheit. Das Wort symbolisiert menschliche Nähe, Wärme, Ruhe, Frieden, Loslassen, Akzeptanz und vor allem Vertrauen. Wollten wir das Wort ins Englische korrekt, also mit seiner ganzen Bedeutung übertragen, müssten wir alle diese Begriffe bemühen und vielleicht noch dazu beschreiben, worum es genau geht. Und in der deutschen Sprache gibt es dafür nur ein Wort, das all dies ausdrücken kann. Was für ein bedeutungsstarkes Wort! Im Jahr 2004 wurde Geborgenheit zurecht zum zweitschönsten Wort der deutschen Sprache gekürt (Platz 1: Habseligkeiten). Die Slowakin Annamaria Musakova hatte Geborgenheit vorgeschlagen, da in ihrer Sprache ein gleichbedeutender Begriff fehle.
In der Psychologie wird Geborgenheit als ein wichtiges Lebensgefühl betrachtet. Die Erfahrung von Geborgenheit in der Kindheit gilt als entscheidend für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit. Menschen, denen in der Kindheit diese Erfahrung verwehrt blieb, haben ein – so sagen es viele Psychologen – mangelhaftes Urvertrauen herausgebildet und leiden oft unter Ängsten.

Auch in Religionen nimmt die Geborgenheit eine zentrale Rolle ein. Der Glaube an eine höhere Macht, die Menschen so akzeptiert, wie sie sind, und der sie bedingungslos vertrauen können, ist durchaus mit dem Verlangen nach Geborgenheit zu erklären. Glaubende Menschen spüren dieses Vertrauen in das Leben. Sie meistern Leiderfahrungen besser als andere, denen solch ein Gefühl abhandengekommen ist. Diese Lebensstärke zeigt sich zwar nicht nur im Christentum, aber Christen haben ein sehr persönliches Vertrauen zu Gott im Mensch gewordenen Jesus Christus aufgebaut.

In der Geborgenheit steckt das Vertrauen darauf, dass sich letztlich alles Leid im Positiven auflöst. Das versinnbildlicht der Satz, den viele von ihren Eltern kennen: „Alles wird gut!“ Dieser Glaube – so oft er auch Kritik gefunden hat – trägt Menschen und gibt ihnen den Mut, schlimme Erfahrungen wie Verletzungen, schwere Erkrankungen, Zurückweisung, Kränkung, Herabwürdigung oder den Verlust geliebter Menschen nicht nur zu überstehen, sondern auch als Teil ihres Lebens zu akzeptieren. Daran sieht man, wie wichtig Geborgenheit für Menschen ist. Es wäre schade, wenn dieses Wort niemand mehr benutzte und es der deutschen Sprache verloren ginge.