Titelthema: BARMHERZIGKEIT

In jungen Jahren bin ich mit meinem Freund mit dem Fahrrad über die Alpen gefahren. Kurz vor Wien im Burgenland hatte ich einen schweren Unfall und lag blutüberströmt auf der Fahrbahn. Das erste Auto, das vorbeikam, hielt kurz - und fuhr weiter. Der zweite Autofahrer hielt - und transportierte mich sofort ins Krankenhaus, wo ich erfolgreich operiert wurde. Damals dachte ich an die Geschichte vom barmherzigen Samariter. „Das ist Barmherzigkeit: die Tat!“

Viele gestandene Christen nennen unsere evangelische Kirche die Kirche des Wortes. So leicht geht es jedoch nicht. Jesus selbst betont immer wieder die große Bedeutung des Tuns. Zum Beispiel in der Bergpredigt: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen“ (Mtt 5, 20).

Auch Paulus missverstehen wir gehörig, wenn wir sein Wort vom Telos, vom Ende des Gesetzes, als Aufruf zum Nichtstun verstehen. Es stimmt: alte religiöse, kultische Gesetze gelten für einen Christenmenschen nicht mehr. Weder die Thora noch die Scharia noch allzu fromme moralische Gebote oder Verbote. An ihre Stelle tritt die Liebe (Römer 13,10) und die Liebe ist „ein geschäftig Ding“ (Martin Luther). Als christliche Müßiggänger der Urgemeinde Paulus bewusst fehlinterpretierten und das Tun hintenan stellten, meldete sich stracks Jakobus zu Wort. Der leibliche Bruder Jesu, der Jesus seit seiner Kindheit sehr gut kannte, rief ihnen ein unüberhörbares NEIN zu. „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber“ (Jakobus 2, 17).

Und ja: das Tun überzeugt! Die Liebe und die Barmherzigkeit suchen die Tat. Reden kann jeder. Oder nicht? Übrigens fragt Jesus im Gleichnis vom großen Weltgericht auch nicht nach dem rechten Glauben. Nein! Er fragt nach dem rechten Tun. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan“ (Mtt 25, 40).
Ich finde, Jesus hat Recht.
Auch mich überzeugt eine Kirche, die hilft, die schafft, die sich die Hände schmutzig macht. Wasser predigen und Wein saufen - das überzeugt heute keinen mehr. Deshalb ist die Arbeit der Diakonie so wichtig.
Ein Hoch auf unsere Gemeindeschwestern, unsere Kindertagesstätten, unsere Pflegeheime und Krankenhäuser!
Ein Hoch auf jeden, der hilft, der anpackt, der einen andern Menschen unterstützt und Gutes tut!

Das Reich Gottes, von dem Jesus spricht, das ist das Reich der Barmherzigkeit und der Liebe - hier mitten unter uns. Ein barmherziger Mensch ist im Herzen angerührt. Er sieht das Leid und möchte helfen. Ein barmherziger Mensch zeigt Empathie. Er ist eben nicht nur: Lehrer, Bäcker, Beamter, Pfarrer, Maurer, Metzger, Professor; er ist vor allem - Mensch.