Auf ein Wort

Mit jubelnden Lippen musiziere ich dir;
         ja ich, denn du hast mich erlöst.
           Psalm 71,23

Ich bin sicher: im Himmel wird viel Musik gespielt – und das nicht nur von den Engeln mit all ihren Harfen. Einen Himmel ohne Musik, den kann ich mir nicht vorstellen, sie gehört einfach in den Himmel. Weil sie da ist, die Musik, unwiederbringlich da ist. Und wenn die Musik nach ihrem Zweck gefragt wird, lächelt sie nur. Darum bin ich auch überzeugt, dass es im Himmelreich viel Musik geben wird. Sicher steht dort eine Kirchenorgel, aber wer will, kann auch den Flohwalzer auf dem Klavier klimpern, in der Badewanne singen oder zu Sam sagen: Spiels noch einmal, Sam! Und Sam wird es spielen: As time goes by.

Und hier auf der Erde, da können wir durch die Musik ein Stück Himmel erleben. Die Musik begleitet unser ganzes Leben. Die ersten Töne hören wir schon im Mutterbauch. Und mit der Spieluhr über dem Kinderbett werden erste musikalische Erinnerungen gegründet. Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Melodie? Kinderlieder werden gesungen, im Kindergarten wird getanzt, Singen in der Schule. Und wenn ich am Sterbebett ein Lied anstimme, dann vertraue ich darauf, dass das Gehör als Letztes geht und eine freundliche Melodie den Weg zum Himmel weist, »… kennt auch dich und hat dich lieb, kennt auch dich und hat dich lieb.«

Augustin, der Kirchenvater, hat etwas Wunderbares notiert, zumindest wird es so überliefert. Er hat gesagt: Wer singt, betet doppelt. Dieser Satz reist durch die Kirchengeschichte bis in unsere Zeit und wird durch die Hirnforschung bestätigt: Das gesprochene Wort erreicht vorwiegend die kognitive Intelligenz. Klänge und Töne aber reichen tiefer, erreichen die emotionale Intelligenz. Wer singt, betet doppelt – erreicht die Seele, sagt Augustin, weckt Emotion, sagt die Forschung. Und man weiß heute: Singen und Musizieren lösen Glücksgefühle aus. In einer einzigen Stunde des Musizierens werden dreimal so viel Glückshormone ausgeschüttet wie sonst.

Auch die Reformation war eine musikalische Bewegung. Luther studierte neben Theologie zudem Musik, spielte die Laute – eine Art Gitarre. Rund 30 Lieder stammen aus seiner Feder. Nicht allein die Schriften waren es, die die Reformation ausbreiteten, es waren auch die Lieder. Luther selbst sagt: »Die Musik ist die beste Gottesgabe. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht.«

Darum gehört die Musik in unsere Kirchen und Gottesdienste, und es ist richtig, wenn wir die Kirchenmusik in ihrer ganzen Bandbreite unterstützen und fördern. Denn sie ist mehr als Untermalung oder Abwechslung, um die manchmal etwas trockenen Wortbeiträge aufzulockern. Sie ist ein doppeltes Gebet. Sie trägt unseren Jubel, unsere Sehnsucht, unsere Verzweiflung, unsere Zuversicht. Darum, wenn Sie einmal einen Gottesdienst besuchen, trauen Sie sich ruhig und singen Sie mit. Sie werden ein Stück Himmel erleben.

Thorsten Sommerfeld, Pfarrer in Bickendorf