Auf ein Wort

Ein Lichtblick

Aus seinen Jahren in Paris erzählt der Dichter Rainer Maria Rilke von der Begegnung mit einer Bettlerin. Täglich, so schreibt er, sah er sie an der gleichen Stelle sitzen, in sich gekrümmt, ohne Blickkontakt zu denen, die eilig vorübergingen, und doch mit der Hoffnung auf eine milde Gabe.
Eines Tages kaufte er eine Rose und legte sie in die Hand der Bettlerin. Sie stand auf, griff seine Hand, küsste sie stumm und ging weg. Mehrere Tage blieb sie aus und kehrte nicht zurück. Dann kam sie wieder und saß dort wie zuvor. Eine junge Frau, die Rilke oft begleitet hatte, fragte ihn erstaunt, wovon die Frau wohl während dieser Tage gelebt habe. Rilke antwortete: „Von der Rose.“
Menschen, die um ihren Unterhalt betteln müssen, gehören zum Bild unserer Stadt. Vielen sind sie lästig, sie wollen die Armut der anderen nicht sehen. Manche raten, nichts zu geben, weil sonst die Abhängigkeit nur größer und der Aspekt der Hilfe zur Selbsthilfe untergraben würde. So gehen viele, wenn auch mit schlechtem Gewissen, vorbei und schauen weg. Und wenn sie etwas geben, dann bleibt nicht selten das schale Gefühl zurück, zwar Almosen gegeben, aber an der Not nichts geändert zu haben.
Doch wer nie etwas gibt, stumpft ab. Einen Moment barmherzig zu sein, kann das Gewissen schärfen und uns an anderen Stellen ansprechbar werden lassen, politisch und sozial. Es wird gut sein, sich in manchen Begegnungen mit einem Bettler oder einer Bettlerin an Rilke zu erinnern. Eine Rose ist selten zur Hand. Aber ein Gruß, ein Blick oder ein Gespräch können Wunder wirken. Sie sind wie die Schönheit der Rose, ein Lichtblick voll Menschenfreundlichkeit in den Dunkelheiten der Welt und ein Glanz von Würde, die auch dem härtesten Schicksal gilt. Sie sind der Mehrwert der Almosen. Sie machen aus der Münze noch keine wirkliche Hilfe und aus dem schalen Gefühl kein ruhiges Gewissen, aber sie nehmen den Menschen in seiner Not anders wahr und durchbrechen die Gleichgültigkeit.
„Gold und Silber habe ich nicht.“ sagte Petrus zu dem gelähmten Bettler vor dem Tempel. Aber er gab etwas anderes. Er blieb stehen, sah ihn an und reichte ihm seine Hand. In diesem Augenblick lag eine Hoffnung, die in ein neues Leben führte.
Und so wünsche ich Ihnen gute Begegnungen, lichtvolle Augenblicke und ein offenes Herz,
Ihre Pfarrerin Uta Walger