Es werde Licht

Nach einer unendlich lang erscheinenden Zeit war ich Anfang Oktober endlich mal wieder im Theater. Erinnern Sie sich noch, wie das ist?

Alle Zuschauer nehmen Platz, Rock und Hose zurecht zupfen, Programmheft verstauen, schnell noch ein Pfefferminz, Handtasche unter den Sitz. Das Licht geht aus. Dunkel. Das Schwatzen der ­Zuschauer verebbt zu leisem Murmeln und erstirbt. Immer noch Dunkel. Schließlich Stille. Man könnte eine Stecknadel fallen hören in diesem schweigenden Dunkel. Und dann – plötzlich – Licht! Licht, Farben, Bewegung, Musik und die Stimmen der Schauspieler – das Leben auf der Bühne beginnt.
So ungefähr stelle ich mir auch immer den Beginn der Genesis vor: Dunkel, Gegrummel – dann, wenn die Spannung kaum noch auszuhalten ist: »Es werde Licht!« Und los geht‘s mit dem Theater – das Leben auf der Erde beginnt. »Die ganze Welt ist Bühne«, meint Shakespeare, »und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.« Ohne Licht kein Theater und ohne Licht kein Leben – ob auf der Theaterbühne oder der alltäglichen Bühne, die wir alle mit dem Wachwerden morgens betreten, um unsere Rollen zu spielen.

Echnaton mit Familie in Anbetung von Aton

Erst das Licht gibt allem Farbe, Form, Wärme und Leben. Ohne Licht wäre ­alles dunkel, formlos, kalt und tot. Kein Wunder also, dass unsere Vorfahren das Licht und den größten Lichtspender, die Sonne, als göttlich verehrten: Sonnen­feste waren die höchsten Feiertage bei vielen germanischen Stämmen; die Griechen verehrten den Sonnengott Helios; und in Ägypten betete man zum obersten der Götter, Ra, dem Sonnengott, der im Turiner Papyrus (um 1300 v. Chr.) von sich selbst sagt: »Ich bin der, der seine Augen öffnet, und es wird Licht. Wenn sich meine Augen schließen, senkt sich Dunkelheit herab.« Kurz zuvor hatte Pharao Echnaton in der von vielen Göttern bevölkerten Antike bereits versucht, erstmals einen Monotheismus einzuführen, nämlich die Verehrung des Aton, der sich manifestiert in – der Sonne.
Licht wurde zu allen Zeiten als etwas Göttliches empfunden. An die ständige Gegenwart Gottes erinnert das »Ewige Licht« in katholischen Kirchen und in Synagogen. Aus diesem Grunde stellen wir auch Kerzen auf den Gräbern unserer Verstorbenen auf: Wir bringen ihnen das Licht Gottes, der auch im Tode über sie wacht und ihnen wohl tut. »Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis« schreibt Johannes Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. im 1. Kapitel seines Briefes an die Gläubigen. »Keine Finsternis«, also: kein Tod.

 

Im Mittelalter verbreitet sich eine bis heute bewunderte und geschätzte neue Kunst von Frankreich aus über Europa: Gotische Kathedralen mit ihren fantastischen Glasfenstern und Rosetten. Suger, der 1122 Abt des Klosters St. Denis wurde, ließ die Abteikirche teilweise neu errichten. Er war ein enger Vertrauter Ludwigs VII., und St. Denis sollte als eine ganz besondere Kirche den Herrschaftsanspruch des französischen Königs als von Gott gesalbtem Herrscher untermauern. So ließ Suger die ›Vorzeigekirche‹ nicht nur im neuesten Stil himmelstrebender gotischer Architektur erbauen. Zudem wurde das Gotteshaus mit großen, bunten Glasfen­stern ausgestattet, deren spirituelles Licht eine ungeheure Wirkung auf die Besucher hatte. »Lux mirabilis et continua« – wunderbares und ewiges Licht. So werden aus den Kirchenfenstern »sanctissima vitra« – allerheiligste Fenster, die das Licht Gottes im Betrachter entzünden sollen: »Die edle Helligkeit des Werkes ist dazu da, die Geister zu erleuchten und sie durch wahres Licht zum wahren Licht zu führen, dessen wahre Pforte Christus ist.« (Suger) Christus ist der Weg zum Licht, dem der Gläubige folgen soll.

Das ›Licht der Wahrheit‹ und das ›Licht der Erkenntnis‹ leuchtet denen, die sehen wollen: ›Aufklärung‹ heißt denn auch eine ganze Epoche, die bestrebt ist, sich loszulösen von der vermeintlichen Dunkelheit früherer Zeitalter, von der Unwissenheit und dem angeblich damit verbundenen geistigen Elend. Dazu reicht das in der ­Natur gegebene Licht jedoch nicht mehr hin. Das Gegebene steht nicht mehr einfach nur im  Licht, sondern es wird von einem bestimmten Aspekt her bewusst beleuchtet. »Aus dem Licht als einem ringsum herrschenden Medium [wird] der gerichtete und dosierte Strahl der ›Beleuchtung‹.« (Blumenberg) In der Kunst wird diese beleuchtende Lichtregie erstmals besonders deutlich bei Caravaggios ›Chia­roscuro‹, seiner Hell-Dunkel-Malerei. In der Renaissance gab man Bildern noch mit viel gemalter Architektur und Landschaft im Hintergrund Tiefe. Caravaggio arbeitet nur mit dem Einfall streuenden Lichtes und haucht den Personen seiner Bilder so durch das Licht Leben ein.

rilke_gedicht.png Die moderne Naturwissenschaft hat nun das Licht zum Teil seiner spirituellen Bedeutung entkleidet. Wir leben im Zeitalter der Lichtgeschwindigkeit: Begriffe wie ›Quantenphysik‹, ›Quantenverschränkung‹ und ›Quantenkorrelation‹ gehen nicht nur Science-Fiction-Fans leicht über die Lippen. Lichtteilchen werden gezählt, gemessen, können miteinander kollidieren – man könnte fast meinen, es gehe um Autos auf einer bundesdeutschen Auto­bahn…
Dennoch bleibt Licht für uns ein Geheimnis und immer wieder ein Zauber: Im Sommer sammeln wir uns gern beim Ausflug abends um ein Lagerfeuer; in der dunklen Jahreszeit schmücken wir Balkone und Fenster mit Lichtern; der hell strahlende Weihnachtsbaum steht im Mittelpunkt jahresendlicher Wohnkultur… Das Aufstellen von Kerzen in Kirchen verbunden mit einem kleinen Gebet, einer Bitte oder einfach nur einem Innehalten vom Alltag ist sogar unter Nicht-Kirchgängern ein durchaus beliebter Brauch. Gerade letzteres, das Anzünden einer Kerze – in einem Gotteshaus, auf dem Grab eines geliebten Menschen, abends zu Hause bei einem gemütlichen Glas Wein oder zum in die Dämmerung ausklingenden Sommerfest mit Nachbarn im Garten: Alles kleine ›Lichtgeschenke‹, Lichtblicke wie eine freundliche Geste, ein liebes Wort – oder eine Rose –, die das Herz erfreuen und es uns etwas leichter und lichter ums Gemüt werden lassen.

Ich wünsche allen in unserer Gemeinde viele lichte Augenblicke, viele kleine Lichtgeschenke – und mal wieder ein Gedicht von Rilke : »Das Leben ist gut und licht…«

Gabriele Maria Fischer