Geh aus mein Herz

Geh aus, mein Herz, und suche Freud‘
in dieser schönen Sommerzeit.

Wer kennt ihn nicht, Paul Gerhardts ›All Time Hit‹ für die wärmere Jahreszeit? Mit der fröhlich-schwungvollen Melodie von August Harder ist »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« in unserem Gesangbuch unter der Nummer 503 abgedruckt. Das Lied entstand kurz nachdem Paul Gerhardt in Mittenwalde 1651 zum Pfarrer ordiniert worden war. Erstmals veröffentlicht wurde es 1653 – der 30-jährige Krieg mit seinen Schrecken war also erst seit fünf Jahren vorbei und seine verheerenden Folgen noch deutlich spürbar. Die kunstvoll angeordneten 15 Strophen zeugen nicht nur von der genauen Beobachtungsgabe des Dichters und seiner Liebe zur Natur, sondern können auch ein Wegweiser für die ganz persönliche Suche nach bleibenden »Glücksquellen« sein.
Die Strophen 1–7 beschreiben die Schönheit der Schöpfung und das Staunen darüber, dass Gott für jedes seiner Geschöpfe liebevoll sorgt. Tiere und Pflanzen zeugen von der Liebe und Kreativität Gottes und wenn wir mit offenen Augen durch die Natur gehen, dürfen wir uns daran freuen, dass Gott uns in diesen wunderbaren »Garten« gesetzt hat, mit dem Auftrag, ihn zu bebauen und zu bewahren. Das Staunen über die Schöpfung kann uns zum Lob des Schöpfers führen. Bei Paul Gerhardt erscheint das sozusagen als logische Konsequenz, als einzig denkbare Reaktion auf das Wunder des Lebens:

»Ich selber kann und mag nicht ruhn;/
des großen Gottes großes Tun/
erweckt mir alle Sinnen./
ich singe mit, wenn alles singt,/
und lasse, was dem Höchsten klingt,/
aus meinem Herzen rinnen.«

Im zweiten Teil des Liedes arbeitet Paul Gerhardt mit dem sogenannten »zweiten Schriftsinn«, das heißt, der wörtlichen Bedeutung wird eine geistliche Bedeutung gegenübergestellt, der weltliche Garten (die Natur) wird zum Vorgeschmack auf das himmlische Paradies. So heißt es in der 10. Strophe:

»Welch hohe Lust, welch heller Schein/
wird wohl in Christi Garten sein!/
Wie muss es da wohl klingen/
da so viel tausend Seraphim/
mit unverdrossnem Mund und Stimm/
ihr Halleluja singen?« 

Die barocke Auffassung von der Welt als »Jammertal«, wie sie z.B. in der 9. und in der 12. Strophe zum Ausdruck kommt, ist uns heute eher fremd. Sie ist in der Barocklyrik, am bekanntesten ist wohl Andreas Gryphius‘ Gedicht »Es ist alles eitel« aus dem Jahre 1658, jedoch allgegenwärtig. Sie ist wohl am ehesten historisch zu verstehen, wenn man sich die Lebensumstände der Menschen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor Augen führt, wird die starke Sehnsucht nach einem Jenseits ohne Tod, Schmerz, Angst und Leid nachvollziehbar. Paul Gerhardt erinnert daran, dass wir bei aller Freude, die schon das Leben auf dieser Erde zu bieten hat, dessen Endlichkeit nicht vergessen sollten. Als Christen dürfen wir voller Zuversicht sein, dass das Beste noch kommt.

Für mich ist jeder Frühlingsanfang eine Zeit des Aufatmens und der Hoffnung: Die Natur erwacht zu neuem Leben, die lähmende Kälte verabschiedet sich langsam und manchmal wärmt die Sonne schon ganz angenehm. Dann denke ich daran, dass mit diesem Neuanfang ein Versprechen verbunden ist: Nach der Sintflut hat Gott sein Wort gegeben, dass der Lauf der Jahreszeiten kein Ende haben wird, »solange die Erde steht«. Eingebunden zu sein in die Schöpfung, sich aufgehoben zu wissen in der Fürsorge Gottes, der selbst die kleinsten Tiere mit dem Lebensnotwendigen versorgt, ist ein sehr beglückendes Gefühl.
Kennen Sie das auch? Sie gehen durch einen Park, eine besonders eindrucksvolle Landschaft und haben plötzlich nur noch einen Gedanken: Ist das schön hier! Diese Überwältigung erzeugt (vermutlich nicht nur bei mir) ein Gefühl der Lebendigkeit und große Dankbarkeit dafür, am Leben sein zu dürfen. Alleine das Wissen darum, wie genau die Bedingungen auf der Erde unseren und den Bedürfnissen unserer Mitgeschöpfe entsprechen (und wie weniger Grad globaler Erwärmung es bedarf, diese Bedingungen zu zerstören!) macht mich ehrfürchtig.

»Geh aus, mein Herz, und suche Freud!« - Eine Aufforderung, das Gute und Schöne um uns her bewusst zu suchen, nicht auf die ganz großen Momente zu warten, auf das vollkommene Glück, sondern die kleinen Freuden zu genießen, die uns das Leben jeden Tag schenkt. Vielleicht muss ich an manchen Tagen etwas länger suchen, aber irgendein Grund zur Dankbarkeit findet sich eigentlich immer. Dabei kann es hilfreich sein, ein ›Glückstagebuch‹ zu führen, oder die letzten Minuten vor dem Einschlafen der Frage zu widmen: »Wofür bin ich am jetzt hinter mir liegenden Tag dankbar?« Schon oft habe ich dabei die erstaunliche Erfahrung gemacht, dass ich fest davon überzeugt war, einen ziemlich schlechten Tag gehabt zu haben, in der ›Nahaufnahme‹ kamen mir aber so viele kleine Lichtblicke und schöne Erfahrungen in den Sinn, dass ich dankbar und versöhnt einschlafen konnte.
In den letzten beiden Strophen kommt schließlich eine weitere metaphorische Ebene ins Spiel. Das lyrische Ich vergleicht sich in dieser gebetsartigen Sequenz selbst mit einem Baum bzw. mit einer Blume, die der Geist Gottes zum Blühen bringen soll:

»Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum/
und lass mich Wurzel treiben./
Verleihe, dass zu deinem Ruhm/
ich deines Gartens schöne Blum/
und Pflanze möge bleiben.


vers4.jpg

Paul Gerhardt führt in seinem Liedtext beides zusammen, die äußere und die innere Glückssuche, die Freude an der Natur und die Freude auf Gottes Ewigkeit. Man kann die Strophenfolge als die Beschreibung eines Erkenntnisprozesses deuten, der von der Freude an der Schöpfung als Ausgangspunkt über die Dankbarkeit zur Jenseitshoffnung und zum Wunsch nach geistlichem Wachstum führt. Sollten Sie also beim nächsten Sonntagsspaziergang die Melodie von »Geh aus, mein Herz, und suche Freud« nicht mehr aus dem Kopf bekommen, so denken Sie vielleicht daran, dass dieses Lied weit mehr ist als ein sommerlicher Ohrwurm.

Priska Mielke