Veränderung

VERÄNDERUNG PANTA RHEI
Alles fließt – nichts bleibt, wie es ist

»Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn alles fließt« – so der Philosoph Heraklit im 5. Jh. vor Chr. In den sog. »Fluss­Fragmenten« vergleicht Heraklit das Leben mit einem fließenden Wasser. Dort heißt es u.a.: »Wer in denselben Fluss steigt, dem fließt anderes und wieder anderes Wasser zu.« Mit anderen Worten: Alles verändert sich ständig; nichts bleibt, wie es ist. Oder um es mit den Worten Platons zu sagen: »Es gibt nur ein ewiges Werden und Wandeln.«

In der Bibel wusste auch der Prediger bereits: »Ein Geschlecht vergehet, das andere kommt;« und setzt den Satz fort mit dem Trost: »die Erde aber bleibt ewiglich.« Dabei sind wir uns heute – zumal in der aktuellen Situation – gar nicht mehr so sicher, ob die Erde tatsächlich ewiglich bleibt…

Veränderung erleben wir alle jeden Tag. Veränderung prägt unser Leben. Ja, unser Leben IST Veränderung. Morgens vor dem Spiegel entdeckt man eine neue Falte, einen neuen Pickel; draußen im Garten sind neue Blumen erblüht; gestern schien die Sonne, heute regnet es – kein Tag ist wie der andere; wir sind nicht dieselben wie am Vortag; der Garten ist nicht derselbe wie am Tage zuvor...

Für junge Menschen geht Veränderung oft gar nicht schnell genug; je älter man wird, desto schwerer tut man sich mit Wechseln und mit Neuem… Und dennoch gilt: wer aufhört sich zu verändern, der ist bereits tot…

archaischer_torso_apollons.jpgVeränderung kommt gemeinhin aus dem Schmerz. Oder wie H.G. Wells sagt: »Den Fortschritt verdanken wir den Nörglern. Zufriedene Menschen wünschen keine Veränderung.« Wenn alles gut läuft und ich glücklich bin, warum sollte ich dann etwas ändern? Im Gegenteil: Jede Veränderung kann mir dann eigentlich nur schaden. Aber kein Glück lässt sich ewig festhalten. Wenn eine Lebenssituation uns nicht gefällt, wir unzufrieden oder unglücklich sind, haben wir immer drei Möglichkeiten: Entweder ändern wir die Umstände, den Chef, den Partner, das Umfeld – ein schwieriges Unterfangen, das aber durchaus gelingen mag. Erster Schritt: »Ihr müsst die Menschen lieben, wenn ihr sie ändern wollt.« (Johann Heinrich Pestalozzi) Wenn das nicht klappt, dann kann man sich selbst und seine Haltung ändern: »Die größte Entscheidung deines Lebens liegt darin, dass du dein Leben ändern kannst, indem du deine Geisteshaltung änderst.« (Albert Schweitzer) Wenn auch dies nicht funktioniert, dann kann man entweder unglücklich bleiben oder man muss gehen – letzteres auch wieder eine Form der Veränderung.

Im Brief an die Römer rät Paulus: »Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.« (Römer 12, 2)

Das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Wir sollen es suchen und danach streben. Und dieses Gute und Wohlgefällige und Vollkommene liegt im Menschen selbst, in jedem von uns. Es hat nichts zu tun mit vermeintlicher Perfektion und schon gar nichts mit den modernen Bestrebungen der »Selbstoptimierung«, die oftmals im Fitness­Studio beginnen – und enden. Ich glaube, es hat mehr zu tun mit dem, der dich anschaut: die alte Nachbarin, die kaum laufen kann, aber jeden Tag tapfer einmal um den Block geht und dich freundlich grüßt, wenn du ihr begegnest; mit dem Kind, das dich anlächelt und dir sein Spielzeug hinhält; mit dem Nächsten, der Dir gegenübersteht – und in dem dir Gott begegnet, wenn du es zulässt. Kaum irgendwo finde ich dieses Erkennen so schlagend, so überraschend und eindringlich formuliert wir in einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, in dem der Autor hinter einem steinernen Torso den Menschen, vielleicht auch den Gott, sucht und die letzte Zeile nur noch eine Erkenntnis zulässt: »Du musst dein Leben ändern.«

Gabriele Maria Fischer